Übersetzung von Elena Radwan – 

An diesem Mittwochmittag, nachdem Cedric* mir die Haare geschnitten hatte, verbrachte ich einige Zeit in der Küche von Mastercut, als ich bemerkte, dass Reiner ungewöhnlich gute Laune hatte. Ich ergriff die (eher seltene) Gelegenheit und fragte ihn, ob ich ihn bei seinem nächsten Termin begleiten dürfe, um “ein paar doofe Fragen zu stellen”. Lächelnd antwortete Reiner, dass ich gerne mitkommen könnte.

Reiners nächste Kundin war schätzungsweise in ihren Fünfzigern. Sie war Kunstlehrerin an einer integrierten Gesamtschule in Berlin. Es sei ein anstrengender Beruf, klagte die Kundin, da man heutzutage die Schüler*innen mit nichts mehr begeistern könne. Sie war eine redselige Dame, die sich sehr für meine Forschung und mein Leben als Student in Amsterdam interessierte. Ihr Interesse ging sogar so weit, dass sie mich fragte, wieviel ich für mein Zimmer in Amsterdam bezahlen würde. Zudem nutze sie mein Studentenstatus als Ausgangspunkt, um ausführlich über ihre eigenen Kinder zu berichten. Sie schien besonders stolz auf ihre 27-jährige Tochter zu sein, die sich vor einem Jahr selbstständig gemacht hatte, nachdem sie vor nicht allzu langer Zeit ihren Bachelor in Psychologie abgeschlossen hatte.

Die Kundin, die ich hier Magdalena nennen werde, hatte dunkelbraune – fast schwarze – Haare, die relativ kurz waren – sie reichten ihr nicht einmal bis zur Schulter. Sie hatte einen Termin bei Reiner, um die Haare neu färben und schneiden zu lassen – ein typischer Zwei-Stundentermin. Mir viel besonders auf, dass Magdalenas Haare extrem dünn waren. Man konnte ihre weiße Kopfhaut durch die dunklen Haare durchscheinen sehen. Magdalena wusste um ihre dünnen Haare und schien Wege gefunden zu haben, um mit dieser Tatsache umzugehen. Die offensichtlichste Form des Umgangs waren Witze. Mehrfach brachte sie mich mit Sätzen wie “bei meinen drei Haaren lohnt sich das nicht” zum Lachen. Magdalena bekundete jedoch auch ihre Erleichterung darüber, dass ihre Kinder nicht ihre Haare geerbt hatten. Waren ihre Witze also nur eine Taktik, um ihre Unsicherheiten bezüglich ihrer Haare zu überspielen?

Scherzen war eine Strategie des Umgangs mit dünnem Haar, wohingegen andere Strategien Berührung involvierte. Während des Beratungsgesprächs stand Reiner hinter der sitzenden Magdalena und kämmte ihre Haare beim Reden. Zwischendurch legte er eine Haarsträhne auf seine linke Hand, um das Haar zu begutachten. Er entschied, nicht nur die Ansätze, sondern die gesamten Haare nachzufärben, da die Spitzen, laut Reiner, ihren Glanz verloren hatten. Reiner ging ins „Labor“, um die Farbe vorzubereiten. Das Labor befindet sich im hinteren Teil des Salons und ist ein schmaler Raum, in dem sich alle Mittel und Werkzeuge zum Mischen der unterschiedlichen Haarfarben befinden. Während wir auf Reiner warteten, erzählte mir Magdalena, wie sie Kundin von Mastercut wurde. Sie war unzufrieden mit ihrem vorherigen „08/15“ Salon gewesen, weshalb sie von ihrer Tochter hierhergebracht wurde. Magdalenas Tochter wies den Friseur an, dass er alles mit den Haaren ihrer Mutter machen könne, solange sie nicht „wie eine Lehrerin“ aussehe, erzählte Magdalena scherzhaft. Ihre Kinder hatten sogar ein Fotoshooting nach ihrem ersten Haarschnitt bei Mastercut für sie organisiert. Als ihr vorheriger Friseur Mastercut verließ, empfahl er Magdalena zu Reiner zu gehen und seitdem „hat sich Reiner auf meine Haare eingeschossen“. Magdalena verglich Mastercut mit ihrem vorherigen Friseursalon, wo sie noch „Kaltwellen wie zu DDR-Zeiten“ machten. Der Salonwechsel sei auch in ihren Haaren sichtbar gewesen: Ihre Haare seien „gesünder geworden“ und hätten mehr Glanz. Natürlich spüre sie den Unterschied auch in ihrem Geldbeutel: „Klar, ist das ´n Preisunterschied“, gab Magdalena zu Bedenken, denn hier zahle sie deutlich mehr für einen Haarschnitt. Aber Magdalena merkte an, dass sie nicht nur wegen des Haarschnitts, sondern auch wegen der Atmosphäre gerne herkäme. Dabei zeigte sie auf die frischen violetten Blumen und die angezündete Duftkerze auf dem Tresen gleich neben Reiners Arbeitsplatz.

Reiner kam einen Trolley vor sich herschiebend zu uns zurück. Auf dem Wagen transportierte er eine Schale mit der bräunlichen Farbe und ein Kamm-Pinsel-Werkzeug – auf der einen Seite standen Plastikborsten ab, während die andere Seite einem Plastikkamm glich. Reiner hatte sich einen grauen Kittel mit orangefarbenen Flecken auf der Vorderseite angezogen. Mit seinen fransig abgeschnitten Ärmeln passte der längere Kittel sehr gut zu Reiners Kleidungsstil, der sich aus asymmetrisch geschnittenen Kleidungsstücken zusammensetzt. Reiner begann Magdalenas Ansätze zu färben, indem er mit dem Seitenscheitel, den Magdalena beim Betreten des Salons trug, anfing. Sobald sich Reiner an die Arbeit gemacht hatte, fragte ihn Magdalena nach seinem Urlaub auf Island. Beim Auftragen der Farbe erzählte Reiner dann ausführlich von seinem Urlaub – vom regnerischen Wetter, der unberührten Landschaft, den stinkenden Schwefelquellen und dem frischen Fleisch, das er und seine Freundin bei lokalen Bauern gekauft hatten. Während Reiners Urlaubserzählungen kam mir kurz der Gedanke, ob seine ungewöhnliche Redseligkeit auch eine Taktik war, um mich davon abzuhalten, zu viele Fragen zu seinem Vorgehen beim Färben zu stellen. Verglichen mit den anderen Stylisten bei Mastercut würde ich Reiner eher als reserviert beschreiben. Einige Wochen zuvor hatte er seine ruhige, manchmal sogar mürrische Art anhand seiner Sexualität erklärt. „Ich bin der einzige Hetero hier“, bekundete er damals, als ich anmerkte, dass er der einzige eher Introvertierte hier sei.

Während er Magdalenas detaillierte Nachfragen beantwortete, wiederholte Reiner denselben Arbeitsprozess immer und immer wieder. Er strich die Ansätze mit der Pinselseite des Werkzeugs mit Farbe ein, benutze das spitze Ende des Werkzeugs, um die eingepinselte Strähne von dem darunterliegenden unbehandelten Haar abzutrennen, legte die eingefärbte Strähne zur anderen Seite und pinselte die andere Seite der selben Strähne mit Farbe ein. Diese Arbeitsschritte – einpinseln, abtrennen, umlegen, wieder einpinseln – wiederholte er dann entlang des neu gezogenen Scheitels bis Magdalenas gesamte Haaransätze eingefärbt waren. Danach verwendete Reiner die Kamm-Seite des Werkzeugs, um die Farbe von den Ansätzen in die Spitzen zu kämmen. Zusätzlich benutze er seine Finger, die in transparenten Gummihandschuhen steckten, um die Farbe auf den Haarsträhnen zu verteilen. An den Stellen im Nacken- und Gesichtsbereich benutzte er Streifen rechteckiger Plastikfolie, um zu verhindern, dass die eingefärbten Haare Magdalenas Haut beschmierten. Nachdem er Magdalenas gesamtes Haar in einem dünnen Pferdeschwanz zusammengefasst hatte, pinselte Reiner nochmals den Haaransatz an der Stirn ein und beendete das Färben, indem er in seinem Berliner Dialekt sagte: „Ick mach’ dir mal die Konturen noch sauber und dann lassn wa det einwirken.“

Ich war erstaunt darüber, wie schnell dieser Arbeitsschritt beendet war – die Zeit reichte gerade für Reiners Urlaubsbericht. Um ein Gespräch mit Magdalena zu beginnen, während die Farbe einwirkte, merkte ich an, wie schnell Reiner die Farbe aufgetragen hätte. Magdalena machte daraufhin einen Witz über ihr dünnes Haar und verglich ihren Aufenthalt bei Mastercut mit dem vierstündigen Termin ihrer Tochter, als Reiner „etwas Neues“ ausprobiert hatte. Magdalena wollte mir ein Foto des Resultats auf ihrem Handy zeigen, nutze aber letztendlich die Gelegenheit, um mir die verschiedenen Frisuren ihrer Tochter, seit diese Reiners Kundin war, zu zeigen. Auf dem ersten Foto hatte ihre Tochter braune Haare. Magdalena erklärte, dass Reiner die sogenannte „Painting-Technik“ benutzt hatte – “keine klassischen Strähnchen, sondern so Reflex[ionen]“, bemerkte sie. Diese Erklärung der Färbetechnik wurde häufig im Salon benutzt und kam mir bekannt vor. Die Friseur*innen hatten mir beigebrach, dass die Farbe dabei mit einem Pinsel in die jeweilige Strähne gemalt wird – oder „gepainted“, wie die Friseur*innen bei Mastercut sagen – anstatt ganze Strähnen in Farbe zu tränken und sie dann in Alufolie zu wickeln. Damit sehe das Resultat „natürlicher“ aus, da die gefärbten Partien nicht so sehr herausstechen. Das zweite Foto zeigte ihre Tochter mit roten Haaren – für ihre Bewerbungsfotos, wie Magdalena bemerkte. Schließlich fand sie das Foto, nach dem sie gesucht hatte. Auf diesem hatte ihre Tochter ihre Spitzen in einem kräftigen Lilaton gefärbt. Zu den Ansätzen hin wurde das Lila zu einem Dunkelbraun. Magdalena war fasziniert von diesem Look. Allerdings hatte er nicht lange gehalten. „Nach sechs Wochen wurde es so hell rosé,” erklärte Magdalena enttäuscht. Bei so einer kurzen Haltbarkeit sei das Preis-Leistungsverhältnis nicht angemessen, befand sie. Deshalb hatte sich ihre Tochter dann wieder für einen länger anhaltenden Look entschieden: „Mit der Farbe, die sie jetzt hat, kommt sie gut zurecht.“

Alles in allem war Magdalena sehr zufrieden mit Mastercut. Es beeindruckte sie besonders wie „natürlich“ und „überhaupt nicht künstlich“ die Kund*innen aussahen, wenn sie den Salon wieder verließen – „als ob man nichts [mit ihren Haaren] gemacht hätte.“ Da sie Vertrauen in die Fähigkeiten der Stylisten von Mastercut entwickelt hatten, empfahlen Magdalena und ihre Tochter den Salon einer Freundin weiter, die nach dem Besuch beim „anscheinend falschen Friseur“ eine allergische Reaktion gehabt hatte. Ihre Tochter empfahl dieser Freundin, Reiner anzurufen, da sie wusste, dass Mastercut Haarfarben führte, die speziell für sensible Haut entwickelt sind beziehungsweise „die nicht so viel Chemie enthalten“, in Magdalenas Worten. Ausgehend von diesem Beispiel erzählte Magdalena eine weitere Geschichte über Hautirritationen. Ihre Schwester hatte ebenfalls eine allergische Reaktion entwickelt, nachdem sie das erste Mal bei einem bestimmten Friseursalon gewesen war. Der Ausschlag auf Hals und Dekolleté trat seitdem immer wieder auf. Magdalena zufolge wurde er von einem Fruchtshampoo verursacht, welches „eine Art von Säure enthalten haben musste.“ Da auch der Dermatologe ihrer Schwester nicht wusste, wie man diese wiederkehrende Hautirritation bekämpfen könnte, kam Magdalena zu dem Schluss, dass ihre Schwester „nicht nur den falschen Friseur, sondern auch den falschen Hausarzt“ hatte.

Nach dreißig Minuten Einwirkungszeit kam Reiner zurück und bat Magdalena, mit zum Haarwaschbecken zu kommen, um die Farbe auszuspülen. Zurück an seinem Arbeitsplatz begann Reiner die Beratung bezüglich des Haarschnitts. Er empfahl, Magdalenas Seitenscheitel zu einem Mittelscheitel zu ändern, und den Pony gerade zu schneiden. Auf diese Art würde das Haar voller aussehen, da es gleichmäßig zu beiden Seiten verteilt wäre. Während des Haarschnitts wurde mir klar, dass es Reiners Hauptanliegen war, mehr Volumen zu schaffen, um Magdalenas „problematische“ dünne Haare zu kaschieren. Er erklärte Magdalena, dass es ein Mythos sei, dass die Haare oben auf dem Kopf dünner wirken, wenn man sie hinten kürzer schneide. Ganz im Gegenteil – was er bewies, indem er seinen Zeigefinger als Modell für ein einzelnes Haar benutzte. Haar wird mit der Zeit abgetragen, erklärte er, und zeigte, dass die Fingerspitze dünner war als am Knöchel. Dasselbe galt für Magdalenas Haar. Mit einem Blick schätzte er ihre Spitzen auf eineinhalb bis zwei Jahre. Indem er die dünnen und abgetragenen Enden abschnitt, sorgte er für mehr Volumen im übrigen Haar.

Während des Haarschnitts sprachen Magdalena und Reiner über Schönheitsoperationen und die Tatsache, dass, wie Magdalena es formulierte, „der Mensch […] so gestrickt [ist], dass er nicht zufrieden ist“. Nach dem Schneiden und bevor er Magdalena föhnte, sprühte Reiner ein Pflegemittel in ihre Haare. Er antwortete auf meine Frage, dass dies ein Haarfestiger sei, der das Haar glänzender und kräftiger mache. Magdalena berichtete mir, dass sie ihre Haare erst vor Kurzem hätte kurz schneiden lassen. Sie begrüßte es, dass kurze Haare nicht viel Pflege benötigten. Reiner warf ein, dass es bei einem Kurzhaarschnitt nicht nur um Pflegeleichtigkeit ginge, was Magdalenas Hauptanliegen zu sein schien, sondern „[…] es sieht voller aus.“ Nachdem er Magdalena geföhnt hatte, korrigierte er ihren Pony, den er extra länger gelassen hatte, „um zu sehen, was die [Wirbel] jetzt machen.“ Um den Pony zu schneiden, benutzte er die Effilierschere – eine Schere, bei der beide Schneideblätter gezahnt sind wie ein Kamm. Reiner erklärte, dass er mit dieser Schere nur dreißig Prozent des Haars entfernen würde. Auf diese Weise, fügte er hinzu, würde der Pony noch Fülle haben, aber nicht viel Gewicht. Danach benutze Reiner seine normale Schere (mit zwei glatten Schneideblättern), um das Haupthaar im „Point Cut“ zu schneiden – die Spitzen einzelner Strähnen in mehreren kleinen Schnittbewegungen in einem spitzen Winkel „auszufransen“. Meine Frage vorwegnehmend erklärte er: „Damit es nicht so schwer fällt“. Um der Frisur den letzten Touch zu geben, hielt Reiner den Föhn in der einen und ein „Texturizing  Spray“ in der anderen Hand. Er benutzte beides gleichzeitig, der Wind des Föhns verteilte das Spray, „sodass ‘n bisschen Bewegung drin ist“.

Eine Frisur – Verschiedene Anliegen

Im Friseursalon kommen verschiedene Interessen und Anliegen bezüglich einer Frisur zusammen. Diese mögen sich widersprechen, aber im Fall von Reiner, Magdalena und Magdalenas Tochter scheinen sie in Magdalenas Haarschnitt zusammenzufinden und zusammengebracht zu werden. Reiner wollte Magdalenas Haar voluminöser und voller wirken lassen. Um dies zu erreichen, empfahl er einen neuen Haarschnitt – einen Mittelscheitel anstelle eines Seitenscheitels. Außerdem schnitt er das Haar auf besondere Weise – mit einer ausdünnenden Schere und im Point Cut –, um das Gewicht des Haars zu reduzieren und gleichzeitig sein Volumen zu erhöhen. Schließlich benutzte er noch verschiedene Pflegeprodukte, um das Haar kräftiger und voluminöser zu machen, sowie ihm „n‘ bisschen Bewegung“ zu geben.

Magdalena widersetzte sich Reiners Versuchen, mehr Volumen zu erschaffen, nicht. Ich glaube, sie schätzte seine Vorschläge sehr. Sie zeigte aber durch ihre scherzhaften Bemerkungen über ihre dünnen Haaren, dass sie sich mit ihnen abgefunden hatte; oder zumindest einen Weg gefunden hatte, mit ihrer Unsicherheit umzugehen. Ihr Haar ist dünn und war schon immer dünn gewesen; ihre Kinder hatten jedenfalls andere Haare. Magdalenas Anliegen bezüglich ihrer Haare war ein anderes. Sie wollte die Erwartungen ihrer Tochter erfüllen und nicht zu „lehrerinnenmäßig“ aussehen. Dies war der Hauptgrund für ihren Besuch bei Mastercut und deshalb zahlte sie auch einen höheren Preis für einen zweistündigen Termin als bei ihrem alten Friseursalon.

Ein weiteres Anliegen für Magdalena war die Pflegeleichtigkeit ihrer Haare. Das Beste an ihrem Kurzhaarschnitt war nicht das Volumen – das war ein willkommener Nebeneffekt – sondern dass man sich wenig um die Haare zu kümmern brauchte. Das Gegenteil gilt für das extravagante, lila Haar ihrer Tochter: es sah toll aus, aber war nicht wirklich praktisch. Die Farbe wusch zu schnell aus und war daher zu teuer. Deswegen entschied sich auch ihre Tochter schließlich wieder für einen Look, der länger anhielt.

Mehr als eine Natur

Diese Episode ist auch eine Geschichte über Natur. Oder vielmehr, wie unterschiedliche Versionen von Natur hervorgebracht werden. Auf der einen Seite schätzte Magdalena es, dass die Kunden von Mastercut den Salon „natürlich aussehend“ verließen. Auf der anderen Seite konstatierte sie, dass es Teil des menschlichen Wesens sei, unzufrieden mit dem zu sein, was einem auf „natürliche“ Weise gegeben ist – seien es Locken, dünnes Haar, oder eine Hakennase. Es scheint, dass hier zwei Versionen von Natur aufeinandertreffen. Magdalenas zweiter Aussage zufolge besitzt man einen natürlichen Körper. Dieser Körper wiederum hat bestimmte Merkmale, wie dünnes Haar, die sogar an die eigenen Kinder weitervererbt werden können. Entgegen dieser Version einer gegebenen Natur meint Magdalena, dass es möglich sei, eine andere Natur zu erschaffen, in Form eines „natürlichen Looks“. Diese zweite Natur kann zum Beispiel mit der Hilfe von verschiedenen Haarfärbetechniken erzeugt werden. Wie auf dem ersten Foto ihrer Tochter zu sehen, sorgt die Färbetechnik dort für natürlich aussehende Reflexionen im Haar, anders als einfache und künstlich aussehende Strähnen. Natur zu erschaffen erfordert allerdings viel Arbeit: in diesem Fall eine umfängliche Haarpflege. Dies beweist schon Magdalenas vergleichsweise kurzer Termin: Ihre „drei Haare“ beanspruchten zwei Stunden von Reiners Arbeitszeit.

Doch es kommt hier noch eine weitere Version von Natur hinzu. In seiner Erzählung von seinem Urlaub zeichnete Reiner ein bestimmtes Bild von „Natur“ in Island. Die Natur (als Landschaft) ist vom Menschen unberührt. Das ist echte Natur. Er erlebte eine raue Seite dieser Natur: Das Wetter war schlecht. Aber was erwartet man auch sonst von Island? Diese Natur stinkt sogar manchmal, wie Reiner erzählte, wenn man zum Beispiel die Schwefel-Quellen besucht. Aber man kann Natur auch schmecken. Sie schmeckt wie das frische Fleisch vom Bauernhof in der Nähe. Eine komplett andere Vorstellung von Natur wurde von Magdalena vertreten, als sie von Haarfarben für sensible Haut sprach. Dabei war Natur eine Abwesenheit: Ein Produkt ist natürlicher, wenn es nicht „so viel Chemie“ enthält, wie sie sagte. Der Körper ihrer Schwester, eine natürliche Einheit, in Magdalenas Erzählung, kam in Berührung mit Unnatürlichkeit in Form von „einer Art Säure“ in einem Fruchtshampoo. Diese „unnatürliche“ Säure verursachte einen Ausschlag.

Feste Körper und verschwommen Körpergrenzen

Schließlich versteckt sich noch eine andere Geschichte über den Körper in Magdalenas Termin. Der Körper als Einheit wird manchmal als integriertes Ganzes produzieren und manchmal ist und wird er nur ein Körper durch seine Interaktion mit seiner Umwelt. Magdalena ließ sich die Haare färben. In ihrem Haar wurden „neue Pigmente eingelagert”, wie die Stylisten es häufig nennen. Die Pigmente werden Teil der Haare indem sie zu ihrem „(natürlichen) Aussehen“ beitragen. Was der Körper ist, hängt also davon ab was als zum Körper gehörend hervorgebracht wird. Diese „eingelagerten“ Pigmente werden mit der Zeit allerdings auch ausgewaschen – manchmal recht schnell, wie im Fall der lila Haare von Magdalenas Tochter. Aber nicht nur die Pigmente werden ausgewaschen, auch das Haar an sich wird „abgetragen“. Die Grenzen eines Körpers sind viel verschwommener als vielleicht zu erwarten war und es bedarf einiger Strategien, um mit dieser Verschwommenheit entweder zu leben – mithilfe von Witzen zum Beispiel – oder ihr entgegen zu wirken, indem länger anhaltenden Looks produziert werden. Dies führt zu der Frage, was der Körper eigentlich ist: Gehören Pigmente, die während des Färbens im Haar eingelagert werden, zu den Haaren? Oder ist dies nur eine zeitweilige Verbindung? Gehören Haare überhaupt zum Körper oder sind sie nur totes, äußeres Gewebe? Die in Magdalenas Termin aufgezeigte Aufmerksamkeit, die dem Körper gewidmet wird, sowie das Reden über Körper zeigt folgendes: Was „der Körper“ eigentlich ist, muss in materiellen Praktiken des Körper-Machens situiert werden.

Während das Färben von Haaren und das Auswaschen von Haarfarbe auf die Fluidität des Körpers hinweisen, ziehen Magdalenas Schilderungen von allergischen Reaktionen eine klare Linie zwischen Körper und Umwelt. Der Körper ihrer Schwester reagierte auf einen Inhaltsstoff des Fruchtshampoos. Diese Substanz – „eine Art Säure” – ist ganz klar kein Teil des Körpers. Sie ist ein Außen zu dem Körper. Dieser Kontakt mit einem Fremd-Körper hatte langfristige Auswirkungen auf den Körper der Schwester; ab und zu hat sie immer noch einen Ausschlag, den selbst ihr Hautarzt nicht erklären kann. Allerdings erfordert es auch materielle Arbeit, den Körper als klar begrenzt und damit als isoliertes Ganzes zu performen. Diese Arbeit kann an verschiedene Akteure delegiert werden, wie zum Beispiel die Gummihandschuhe, die Reiner benutzte, um zu verhindern, dass sich dunkelbraune Pigmente zeitweise in seine Haut einlagerten. Magdalenas Termin sagt uns also einiges über verschwommene Körpergrenzen und die nötige Arbeit, um den Körper zu einem festen Körper zu machen.

* Um die Anonymität meiner Forschungsteilnehmer*innen zu gewährleisten, sind der Name des Salons sowie Personennamen verändert.

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