Die Geschichte, wie mein Dozent und ich den ersten schriftlichen Entwurf meines Forschungsvorhabens diskutierten, wurde nach einigem Wiedererzählen zum Insider-Witz unter meinen Kommiliton*innen und mir. Kurz nach dem Zusammentreffen war mir ganz und gar nicht zum Lachen zumute. Aber nachdem ein wenig Zeit vergangen war und wir einige Kontroversen aus der Welt schaffen konnten, blieb diese lustige Erinnerung zurück:

Mein Dozent, den ich hier „Frank“ nennen werde, und ich saßen nebeneinander auf einer blauen Couch im Institut für Anthropologie an der Universität von Amsterdam. Frank hatte einen straffen Zeitplan, da ich nicht der einzige war, der sein Feedback zu meinem Forschungsentwurf an diesem Tag hören wollte. Er begann unsere Unterhaltung mit den Worten „Das ist in der Tat ein interessantes Forschungsprojekt…“. Diese drei Wörtchen – in der Tat – wurden im Laufe unseres 30-minütigen Gesprächs zu einem dicken fetten ABER. Ich will euch nicht mit den Einzelheiten langweilen, deshalb hier nur das Bild, das mir im Gedächtnis blieb. Auf der einen Seite der Couch sitzt Frank, der immer wieder seine Hände gen Himmel streckt und mit diesen wild fuchtelt, um mich auf etwas über seinem Kopf aufmerksam zu machen, das ich unerklärlicherweise nicht sehen kann. Dazu wiederholt er die Frage: „Aber was bedeutet es, Max?“ Ich, auf der anderen Seite, halte mein Notizbuch fest in beiden Händen und schüttle es vehement, um dessen materielle Existenz zu betonen. Dabei erwidere ich emphatisch: „Nein, wie wird es praktiziert?!“

Meme, How is it done?

(Selbstverständlich sind diese Memes überzeichnete Darstellungen)

In diesem Beitrag möchte ich zwei Dinge besprechen. Zum einen möchte ich aufzeigen, wie die oben überzeichnet dargestellte Kontroverse mit Frank ein lehrreiches Beispiel für verhärtete Fronten in einigen sozialwissenschaftlichen Disziplinen zwischen einem Fokus auf Bedeutung (die Frage nach dem Warum) und einem Interesse an Praktiken (die Frage nach dem Wie) ist. Zum anderen möchte ich einen kurzen Überblick darüber geben, was an der Bedeutungsfront hinsichtlich des Friseursalons geforscht wurde, um aufzuzeigen, wie ein materialsemiotischer Fokus auf Praktiken diese Forschung ergänzen kann.

Realitäten-Crash

Franks und meine Meinungsverschiedenheit ereignete sich nicht aus heiterem Himmel. Wir trugen diese auf den Schultern anderer weiser Menschen aus. Auch wenn das Titelbild dieses Beitrags dies suggeriert, denke ich nicht, dass es nötig ist unsere Kontroverse bis zu Plato und Aristoteles zurückzuverfolgen. Ein relativ kleiner Sprung zurück in die 1960er und 70er sollte genügen. Für diese Zeit beschreibt Ortner (2016, 49) einen Bruch in der Anthropologie zwischen Kulturalisten und Materialisten. An der Spitze der Kulturalisten argumentierte Clifford Geertz, dass Kultur das Leben der Menschen mit Bedeutung füllt. Kultur beantwortete das Warum. Materialisten wie Eric Wolf hingegen beharrten darauf, dass wir uns auf ökonomische und politische Kräfte konzentrieren sollten, da diese einen viel größeren Anteil daran hätten, menschliches Zusammenleben zu beeinflussen.

Hier muss ich kurz klarstellen, dass sich der Konflikt zwischen Kulturalisten und Materialisten nicht einfach auf das Zusammentreffen von Frank und mir übertragen lässt. Eines ist relativ klar: Frank mit seinem Interesse für die Bedeutung des Friseursalons stellte sich auf die Schultern von Geertz. Aber auf welchen Schultern stand ich eigentlich? Waren es die Schultern der Ethnomethodolog*innen oder symbolischen Interaktionist*innen? Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht hundertprozentig sicher. Law (2009) erzählt unterschiedliche Herkunftsgeschichten für Materialsemiotik. Er nennt beispielsweise Latours Laborstudien und Serres‘ philosophische Auseinandersetzungen mit (Un-)Ordnung und Übersetzung. Zusätzlich sieht er materialsemiotische Ansätze auch als empirische Umsetzung von Poststrukturalismus (Law 2009, 145). Vielleicht stand ich einfach nicht auf den Schultern einer Person, sondern – und das ist sehr bezeichnend für diesen Ansatz – auf unebenem Terrain.

Materialsemiotik betont die Wichtigkeit von Materialitäten – beispielsweise eines Notizbuchs, das ein Student während einer Unterredung mit seinem Dozenten vehement schüttelt. Der Ansatz fragt, wie sich Dinge in unterschiedlichen und sich verändernden Beziehungsnetzwerken materialisieren und so an Bedeutung gewinnen. Im Gegensatz zu Ortner, beschreibt Law (2009) andere Kämpfe für die heutige Zeit, die entlang anderer Grenzen ausgetragen werden. Debattiert wird über die ontologischen Unterscheidungen von Menschlichem und Nichtmenschlichem, großen und kleinen Zusammenhängen sowie dem Sozialen und dem Technischen. Während Humanist*innen an diesen Unterscheidungen festhalten, verwischt Materialsemiotik diese: Mensch und Ding, bedeutungsvolle Fragen und scheinbare Kleinigkeiten sowie Cyborgs fallen in situierten Praktiken und spezifischen Konstellationen zusammen. Warum also von vorneherein Kategorien herausstellen, wenn diese als Effekt von Relationen entstehen?

Meine oben geschilderte Meinungsverschiedenheit mit Frank spiegelt diese von Law beschriebenen Auseinandersetzungen zwischen humanistischen Soziolog*innen und Materialsemiotiker*innen wider. Er unterscheidet zwischen ersteren, die das Soziale hinsichtlich von Bedeutung und Intersubjektivität formulieren, und materialsemiotischen Ansätzen, die darauf achten, wie materielle Praktiken das Soziale hervorbringen (Law 2009, 147–48). Anstatt voreilig das Wirken von sozialen Kräften zu postulieren, müsse man fragen, wie „das Soziale“ überhaupt in Relationen zustande kommt (Law 2009, 147–48). Damit stellt er die Frage nach dem Wie über diejenige nach dem Warum. Mit dieser Argumentation übereinstimmend, ruft Mol einen „praxiographischen Paradigmenwechsel“ aus: Anstatt unhinterfragt anzunehmen, dass bestimmte Entitäten und Kräfte existieren, sollten wir uns deren Wies widmen. In Mols Fall bedeutet das, Körper und Krankheiten zu beobachten, während sie in alltäglichen Praktikern im Krankenhaus hervorgebracht werden (Mol 2002, 83).

Die Frage nach Gründen und Praktiken von Geschmack

Vielleicht wird das Aufeinanderprallen unterschiedlicher akademischen Realitäten durch ein konkretes Beispiel deutlicher. Wenn man Sozialwissenschaftler*innen aus dem Schlaf reist und ihnen Geschmack entgegenruft, würden die meisten sofort mit dem Namen Pierre Bourdieu antworten. Bourdieu argumentiert, dass sich – anders als das Sprichwort suggeriert – sehr wohl über Geschmack streiten lässt. Das heißt Geschmack – für bestimmte Gerichte, Kleidung oder Musikstile – ist nicht einfach gegeben, sondern wird durch unsere soziale Position – die Bildung, die wir genießen, die Kreise, in denen wir aufwachsen, die finanziellen Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen – geprägt. Kurz gesagt: Soziale Kräfte bestimmen unseren Geschmack. Hinter Geschmäckern gibt es also ein Warum.

Hennion vertritt eine andere Ansicht. Er argumentiert, dass Geschmack nicht die statische Eigenschaft eines Objekts ist. Es sei auch nicht so, dass sich der Geschmack einer Person auf feststehende Objekte wie Zigarren oder Opern bezieht. Stattdessen interessiert sich Hennion für das Zugetan-Sein („attachment“) – die Arbeit, die Personen investieren, um bestimmten Objekten zugetan zu sein. Demzufolge möchte er Geschmack nicht wegerklären, indem er dahinterstehende soziale Kräfte verantwortlich macht. Hennion verlagert den Fokus von einem Warum hinter Geschmack auf ein Wie. Wie bilden sich ein Körper, der einer Sache zugetan ist, und das Objekt der Begierde in ihrer Verschränkung und in Aktivitäten heraus (Hennion 2007, 112)? Indem Hennion Geschmack als eine verortete Aktivität oder als Prozess konzeptualisiert, kämpft er an der Praxis-Front gegen kritische Soziolog*innen, die nach den unsichtbaren Kräften hinter Geschmack fragen.

Was bedeutet es?

Aber was bedeutet es nun, wenn Menschen einen bestimmten Haarschnitt wählen oder einen bestimmten Salon aufsuchen? Einige Sozialwissenschaftler*innen haben sich mit dieser Frage beschäftigt und interessante Antworten geliefert. Sie sehen im Friseursalon einen Raum, in dem Identitäten durch bestimmte Styles produziert werden. So zeigt Gimlin (1996) auf, wie Frauen in einem Friseursalon in Long Island, New York, durch eine Frisur sowohl ihr „inneres Selbst“ ausdrücken als auch eine bestimmte Form von Weiblichkeit darstellen, die zu ihrem professionellen Lebensstil als Mitglieder der Oberschicht passt. Reid (2013) gibt uns mit seiner Ethnographie Einblicke in das Leben in südafrikanischen Dörfern, wo schwule Männer eine sozial akzeptierte Nische als Style-Experten bewohnen. Majors (2004) versteht einen afroamerikanischen Salon im mittleren Westen der USA als Sprachgemeinschaft, der seinen Kund*innen ein sicheres Umfeld bietet.

Klar soweit? Style bindet Gemeinschaften zusammen und durch Style werden Identitäten ausgedrückt. Die soziale Position eines schwulen Mannes in Südafrika, einer Frau aus der Oberschicht in Long Island oder einer Schwarzen Person im mittleren Westen beeinflusst welchen Salon sie wählen und welchen Style sie präferieren. Aber wie wird es praktiziert?

Wie wird es praktiziert?

Ich stimme Law zu, dass es falsch ist, Style oder Geschmack durch soziale Kräfte wie Sexualität, Klasse oder Ethnizität wegzuerklären. Stattdessen sollten wir uns zuerst mit den materiellen Praktiken auseinandersetzen, die das Soziale erst hervorbringen. Mol folgt diesem Beispiel, wenn sie fragt, wie der Körper in verschiedenen Diagnose- und Therapiepraktiken von Arteriosklerose zu einem multiplen Körper wird. Und auch Hennion fragt, wie Musikliebhaber*innen lernen, Musik wertzuschätzen und von dieser berührt zu werden.

Ebenso möchte ich die Materialität von Haaren und die materiellen Praktiken des Frisierens in meiner Forschung nicht außer Acht lassen. Haare können sich gegen verschiedene Versuche, es zu formen, wehren. Oder es muss einiges an Arbeit aufgewendet werden, um einen speziellen Style zu kreieren und beizubehalten. Im Friseursalon können wir nicht nur nach der Bedeutung von Haaren und von Styles fragen (das Warum). Der Salon birgt auch die Frage nach Praktiken: Wie wird Style produziert? Welche Techniken, Werkzeuge und Produkte sind dafür notwendig? Wie kommt ein gestylter Körper im Friseursalon zustande?

Ich möchte mich zum Schluss noch kurz an Frank wenden: Auch wenn das Diskutieren meines Forschungsvorhabens für uns beide mit emotionalem Stress verbunden war, möchte ich dir danken. Indem du auf den Bedeutungsaspekt meines Forschungsprojekts beharrt hast, hast du mich nicht nur auf Schwachpunkte meines Projekts hingewiesen, sondern hast mich auch dazu gedrängt, meinen theoretischen Ansatz besser zu untermauern.

 

Literatur

Gimlin, Debra. 1996. “Pamela’s place: Power and negotiation in the hair salon.” Gender and Society 10 (5): 505–26.

Hennion, Antoine. 2007. “Those things that hold us together: Taste and sociology.” Cultural Sociology 1 (1): 97–114. doi:10.1177/1749975507073923.

Law, John. 2009. “Actor Network Theory and Material Semiotics.” In The New Blackwell Companion to Social Theory, edited by Bryan S. Turner, 141–58. Wiley Blackwell Companions to Sociology. Hoboken: Wiley.

Majors, Yolanda J. 2004. “‘I wasn’t scared of them, they were scared of me’: Constructions of self/other in a Midwestern hair salon.” Anthropology & Education Quarterly 35 (2): 167–88. doi:10.1525/aeq.2004.35.2.167.

Mol, Annemarie. 2002. The body multiple: Ontology in medical practice. Durham: Duke University Press.

Ortner, Sherry B. 2016. “Dark anthropology and its others: Theory since the eighties.” HAU: Journal of Ethnographic Theory 6 (1): 47–73. doi:10.14318/hau6.1.004.

Reid, Graeme. 2013. How to be a real gay: Gay identities in small-town South Africa. Scottsville: University of KwaZulu-Natal Press.

 

Titelbild: Bildausschnitt aus „Die Schule von Athen“ mit Platon und Aristoteles, Raffael, 1509, via Wikimedia Commons

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