Für Dande, der nicht die Möglichkeit gegeben war, ihren Afro nach der Chemo zu tragen.

 

An einem Sonntagnachmittag sitze ich in einem Café in Amsterdam. Leicht verkatert von letzter Nacht habe ich mich auf dem Weg zum Waschsalon begeben und danach in dieses Café hier, um mich mit Kaffee und Kuchen dafür zu belohnen, dass ich das Haus verlassen habe. Während ich von meinem Kaffee nippe, lese ich das Kapitel über Haarausfall in Emma Tarlos Buch Entanglement (2016, 285-313). Sie erzählt von einem Perückenmacher, der sich darauf spezialisiert hat, Perücken für Menschen anzufertigen, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Haare verlieren. Eine Chemotherapie zur Behandlung von Krebs ist einer dieser Gründe. Als Psychotherapeut vertritt der Perückenmacher einen ganzheitlichen Ansatz, der die emotionale Seite, die mit der Erfahrung von Haarausfall verbunden ist, nicht außer Acht lässt. Er begleitet seine Klient*innen durch die Zeit die Gewöhnung an ihren Haarersatz.

Unerwarteterweise berühren mich die Geschichten über die Kunden des Perückenmachers sehr – mehr als mein aktuelles Umfeld mir gestatten auszudrücken. Der Perückenmacher erzählt von einer Krebspatientinnen, die eher sterben würden als ihre Haare zu verlieren. Sie berichtet von einer Ehefrau, die mithilfe einer Perücke versuchte, ihren Krebs und den mit der Chemotherapie einhergehende Haarausfall vor ihrem Mann zu verbergen. Nach dem Tod seiner Frau, kontaktierte der Ehemann den Perückenmacher. Am Telefon gestand er, dass er von Anfang an von dem Krebs seiner Frau und der Perücke wusste.

Ich kann nicht ganz verstehen, warum mich diese Geschichten in einem vollen Café an einem Sonntagnachmittag zu Tränen rühren. Vielleicht ist es der Kater. Vielleicht auch einfach meine bedrückte Sonntagsstimmung. Was ich weiß, ist, dass die Geschichten über Krebspatientinnen Erinnerungen an meine verstorbene Tante Andrea zurückbringen. In meinem Badischen Dialekt hieß Tante Andrea jedoch immer nur „Dande“ für mich. Als ich ein Kind war, wusste ich sogar lange überhaupt nicht, wie sie wirklich hieß. Sie war einfach Dande. Weitere Erklärungen waren unnötig.

Dande starb an Krebs im Jahr 2011 – in dem Jahr, in dem ich mein Abitur machte. Ihr Tod hinterließ Wunden in meiner ganzen Familie, die wohl niemals ganz verheilen werden: Meine Cousine, Dandes Tochter, die sich eine Hochzeit ohne ihre Eltern nicht vorstellen kann. Meine Mutter, die noch immer nicht über ihre Schwägerin sprechen kann, ohne dass ihr Tränen in die Augen steigen. Die Geschichte, wie meine Familie mit Dandes Tod zu kämpfen hat, ist jedoch nicht die Geschichte, die ich hier erzählen will.

Es geht um eine andere Geschichte über Verlust, die an einem verkaterten Sonntagnachmittag in einem Café in Amsterdam ihren Weg zurück in mein Gedächtnis fand. Im Gegensatz zu den Frauen in Tarlos Buch, die den Perückenmacher aufsuchten, hat Dande keinen Gedanken an eine Perücke verloren – oder zumindest weiß ich nicht davon. Letztendich war ihre Glatze nur ein vorübergehender Zustand, wie sie uns immerzu versicherte. (Ich kann schwer einschätze, wieviel ihres Optimismus vorgespielt war. Nichtsdestoweniger gab er mir Zuversicht.) Ich kann mich daran erinnern, dass Dande Tücher um ihren Kopf trug oder eine gestrickte Wollmütze, wenn sie das Haus verließ. Aber das Bild, das am klarsten vor meinen Augen auftaucht, ist Dande wie sie mit ihrem struppigen kurzen Haaren in ihrem Sessel im Wohnzimmer sitzt oder in ihrem Bett liegt.

Eines Nachmittags kamen wir auf einen kurzen Besuch vorbei. Ich glaube, es war nach Dandes zweiter Runde von Chemotherapie, als sie uns sehr stolz zeigte, dass ein dünner Flaum auf ihrem Kopf anfing zu sprießen. Sie hatte all ihre Haare wegen des Gifts verloren, das ihr in die Venen gepumpt wurde, um die Krebszellen zu attackieren, die sich in ihrem Körper verteilt hatten. Sie wollte, dass wir den Flaum auf ihrem Kopf mit den Händen selbst fühlten. Als ich jedoch über Dandes Kopf streichelte, war ich nicht von dem Flaum überrascht. Stattdessen musste ich mich davon abhalten, meine Hand vor Schreck wegzuziehe, weil ich seltsame Knoten auf ihrer Kopfhaut spüren konnte. Anscheinend waren sie eine andere Nebenwirkung der Chemotherapie, wie Dande dann erklärte.

Dande war noch immer sehr stolz auf ihren Flaum. Wie Schneeglöckchen, die nach einem harten Winter aus dem Boden sprießen und den Frühling einleiten, signalisierte der Flaum für Dande eine körperliche Erholung. Sie erzählte uns, dass das Haar nach einer Chemotherapie in einer komplett anderen Struktur und Farbe nachwachsen kann. Oder zumindest gab es Berichte von einigen Fällen, in denen Personen solch einen radikalen Wandel durchlebten. Vielleicht würde ihr jetzt krauses, schwarzes Haar nachwachsen, scherzte Dande in ihrem roten Sessel. Und bei dem Gedanken an Dande mit einem Afro mussten wir alle lachen. Dande hatte jedoch nie die Gelegenheit, zu erleben, wie ihre Haare aussehen würden. Der Krebs verteilte sich weiter in ihrem Körper und führte zu einem Darmverschluss. Alles was Dande aß, musste sie wenig später wieder erbrechen.

Im Gegensatz zu den Frauen in Tarlos Buch, war Dandes Haar, abgesehen vom sprießenden Flaum, nie ein Ding von Belang – besonders nicht in ihren letzten Wochen unter uns. Erst nachdem Dande verstorben war, wurden ihre Haare – zusammen mit ihrem mageren Gesicht und ihrer hageren Gestalt – ein Anliegen. Ich kann mich kaum an die Vorbereitungen für Dandes Beerdigung erinnern, aber eine Diskussion blieb mir im Gedächtnis. Es ging um das Foto von Dande, das neben ihrem Sarg in der Kirche aufgestellt werden sollte. Nur wenige Wochen vor Dandes Tod waren meine Mutter und Schwester mit ihr bei einem Fotografen. Ich kann mir vorstellen, dass das einer der wenigen Tage war, in denen sich Dande in ihrem Körper und angesichts der Umstände noch einigermaßen wohlfühlte. Schön angezogen, mit ein wenig Makeup im Gesicht und die (wenigen) Haare hergerichtet, poste Dande für die Fotos.

Obwohl es diese aktuellen Bilder von Dande gab, wollte mein Onkel ein anderes Foto an Dandes Sarg, wo Bekannte und Verwandte Abschiede nehmen würden. Letztendlich war eine abgemagerte Dande mit drahtigen Haaren nicht das Bild von ihr, woran sich die meisten Besucher*innen erinnern konnten. Vor ihrem Krebs war Dande deutlich rundlicher und hatte auch mehr, wenn auch nicht viel längeres, Haar. Ein Foto, auf dem sie nicht dieses gesunde Bild verkörpert, könnte Besucher*innen schockieren. Zudem sollte Dande in ihrer vom Krebs und der Chemotherapie abgemagerten Gestalt nicht das letzte Bild sein, wie sie Dande in ihren Erinnerungen behalten.

Ich hingegen finde es schwierig mir Dande anders vorzustellen als auf dem Foto, das dann als Kompromiss am Eingang zur Kirche platziert wurde: dünn, mit drahtigen Haaren und einem warmen Lächeln im Gesicht. Das letzte Mal, als ich dieses Lächeln sah, war am Abend bevor Dande starb. Sie lag in ihrem Krankenhausbett, schaute zu meiner Mutter auf und sagte: „Dein Sohn sieht so intelligent aus mit seiner neuen Brille.“

 

Literatur

Tarlo, E. 2016. Entanglement: The secret lives of hair. London: Oneworld.

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2 Comments

Stefanie Stahl 8. März 2018 at 15:58

Einfach nur great!
Aus dem realen Leben mit so viel Gefühl und Erinnerung, wie es besser nicht geht.
Nicht nur weil Tränen beim Lesen rollen….das „Echte“ hintrrlässt Spuren – prägt, verändert.

Karina 8. März 2018 at 17:07

Unsagbar Wunderbar!

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