Das Geschlecht von Objekten – 

Für eine Seminarsitzung zum Thema „gegenderte Objekte“, baten meine Kollegin und ich die Seminarteilnehmenden ein Objekt mitzubringen, von dem sie glaubten, es sei gegendert. Zur Vorbereitung der Sitzung lasen wir den Artikel „On Gender and Things“ (2002) von Oudshoorn et al. und wollten anhand der mitgebrachten Objekte eine Diskussion anregen. In dem Artikel besprechen die Autorinnen zwei Ausstellungen zum Geschlecht von Dingen, die sie in den Niederlanden und in Norwegen kuratierten.

In der niederländischen Ausstellung sollten Besucher*innen anhand von ausgestellten Objekten daraufhingewiesen werden, wie Annahmen über Geschlecht in Objekte eingeschrieben werden. Beispielsweise wurden die Beschriftungen einer Mikrowelle und eines Videorekorders gegenübergestellt. Während die Knöpfe der Mikrowelle mit Piktogrammen versehen waren, um deren Funktionen zu verdeutlichen, waren die Knöpfe des Videorekorders mit englischen Abkürzungen wie „vrt“ und „rec“ beschriftet. Dies, so die Autorinnen, weise auf gegenderte Annahmen der Produktdesigner*innen über die technischen Kompetenzen der Nutzer*innen hin. Frauen nutzen Mikrowellen. Frauen sind weniger technisch begabt. Ergo: die Knöpfe von Miktowellen müssen klar verständlich sein (Oudshoorn et al., 2002, S. 474).

In Norwegen wurde die Aussstellung anhand des „Domestizierungsansatzes“ konzipiert. Nicht die Frage, welche Annahmen in Objekte eingeschrieben, sondern wie die Objekte in unterschiedlichen Kontexten genutzt werden, stand im Mittelpunkt. Damit betont dieser Ansatz die aktive Rolle der Nutzer*innen in der Aushandlung und kreativen Umdeutung von geschlechtsbezogenen Bedeutungen (Oudshoorn et al., 2002, S. 477-78).

Die Haarschneidemaschine

Das Titelbild zeigt eine Haarschneidemaschine wie sie im Friseursalon Mastercut*, wo ich meine Forschung mache, benutzt wird. Wenn sie gerade nicht in Gebrauch ist, steht sie in ihrer Ladestation auf dem Regal mit Haarprodukten zwischen den Arbeitsplätzen von Franci und Oliver.

Für die, die glauben, dass nur Männer kurze Haare haben, ist dieses Objekt klar gegendert. Man könnte auch unter Produktdesignern der Maschine erforschen, welche gegenderte Annahmen in den Haarschneider eingeschrieben wurden. Sollen Farbe und Form männliche Kunden ansprechen? Oder sind Symbole und Knöpfe speziell für Friseurinnen designt? Hier wird es schon schwierig. Trotzdem wäre es interessant unter Produktdesigner*innen zu forschen, wie sie sich widersprechende Annahmen in einem Objekt vereinen.

Kristen Barber befasst sich in ihrem Buch „Styling Masculinities“ (2016) nicht damit welche Normen in die Haarschneidemaschine eingeschrieben werden, sondern fragt nach den Nutzungskontexten und welche kulturelle Annahmen mit diesem Werkzeug bestärkt werden. Barber forschte in zwei hochpreisigen US-amerikanischen Barbershops und argumentiert, dass dort weiße, professionelle (Hetero-)Maskulinitäten kultiviert werden. Dabei spielt die Haarschneidemaschine eine entscheidende Rolle. Denn die Stylist*innen grenzen sich klar gegenüber Maschinenhaarschnitten ab. Mit Maschine werde nur in Billigsalons oder Barbershops für Schwarze geschnitten. Barber betont hierbei, dass diese Perspektive die kreative Arbeit von Schwarzen Friseuren und die Nützlichkeit des Werkzeugs für das Haar Schwarzer Kund*innen übergehe. Damit ist der Nutzungskontext nicht nur gegendert, sondern ihm werden Eigenschaften bezüglich Ethnizität und Klasse zugeschrieben. Barber kommt zu folgendem Schluss: „by associating particular tools and haircuts with professionalism, stylists end up reinforcing larger cultural associations of white-collar manhood with white men“ (Barber, 2016, S. 71).

Es kommt darauf an

Ganz so einfach ist es jedoch nicht, wie mir Cedric, ein Stylist bei Mastercut, erzählt, während er mir meine Konturen mit genau jener im Bild zu sehenden Maschine schneidet. Natürlich könne er einem Kunden, der rund vierzig Euro für einen Kurzhaarschnitt bezahlt und für dessen Termin eine Stunde eingeplant ist, keinen Maschinenschnitt verpassen. Zudem schneide er sehr gerne mit Schere, da er das Gefühl habe, seine Arbeit spiegle dann den Wert des zu zahlenden Betrags wider. Seine Arbeit ist dann mehr wert. Das heiße aber nicht, dass er eine so kurze Kontur wie bei mir mit Schere schneiden würde. Es kommt eben ganz darauf an – nicht nur auf die Preisklasse des Salons und die Ethnizität des Kunden, sondern auch auf den spezifischen Schnitt. Zudem kenne Cedric auch hochpreisige Friseure, die alles – Langhaarschnitte inklusive – nur mit Maschine schneiden. Die hätten aber dann auch deutlich bessere Maschinen als diese hier – er zeigt auf die Mittelklasse-Haarschneidemaschine auf der Ablage vor mir. Schwärmend berichtet er von einer US-amerikanischen Marke die Marktführerin in elektronischem Friseurzubehör sei. Diese hochwertigen Maschinen schneiden sofort einen weichen Übergang, berichtet Cedric, und man müsse nicht wie bei dieser hier mehrfach über eine Stelle fahren. Während er spricht, wiederholt er die „typische Maschinenbewegung“, indem er immer wieder sein Handgelenk beugt und so tut, als halte er die Maschine noch immer in seiner rechten Hand.

Über die Nichtnutzung von Haarschneidemaschinen und die Ablehnung von Maschinenhaarschnitten können Stylist*innen den Salon, in dem sie arbeiten, und die Kunden, die sie betreuen, als weiß und „high class“ performen, wie Barber aufzeigt. Gleichzeitig spielen für Cedric auch sehr pragmatische Entscheidungen hinsichtlich eines spezifischen Haarschnitts eine Rolle: wieso sollte er eine so extrem kurze Kontur wie meine mit Schere schneiden? Der Schnitt würde dann deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen und das Ergebnis wäre fast das gleiche. Und dann ist Haarschneidemaschine auch nicht gleich Haarschneidemaschine: einige schneiden sofort weiche Übergänge und werden sogar von Top-Stylisten für lange Haare benutzt, während eine Mittelklasse-Maschine ein wiederholtes Beugen des Handgelenks erfordert.

Diese Gedanken zu einem Objekt, das häufig im Friseursalon benutzt wird, zeigt auf, wie viel wir verpassen, wenn wir uns in Sozialanalysen nur auf „das Soziale“ – verstanden als zwischenmenschliche Interaktion – beschränken. Das Beispiel der Haarschneidemaschine illustriert, wie ein „alltäglicher Gegenstand“ nicht nur ein Geschlecht haben kann. Der Haarschneider kann auch einen Salon als einen Raum performen, der eine bestimmte Klasse und Ethnizität hat. Trotzdem bedarf es einer ethnografischen Betrachtung, um herauszufinden, was die Haarschneidemaschine in bestimmten Kontexten tut.

 

Literatur

Barber, K. 2016. Styling masculinity: Gender, class, and inequality in the men’s grooming industry. New Brunswick: Rutgers.

Oudshoorn, N., Rudinow Saetnan, A., Lie, M. (2002). On gender and things: Reflections on an exhibition on gendered artifacts. Women’s Studies International Forum 25 (4), 471-483.

* Um die Anonymität meiner Forschungsteilnehmer*innen zu gewährleisten, sind der Name des Salons sowie Personennamen verändert.

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